Der Mauerfall 1989 war lange vorbereitet – Michael Wolski
In diesem 1. Gespräch zwischen Michael Wolksi und Götz Wittneben geht es um die verdeckte Vorbereitung des 9. November 1989, die Wolski in seinem Buch “1989 Mauerfall Berlin – Auftakt zum Zerfall der Sowjetunion” beschreibt. Im Teil 2. wird es um das geheime Drehbuch des 9.11.89 gehen – nichts war dem Zufall überlassen. Diese Erzählung über Auslöser und Ablauf des Mauerfalls am 9.11.1989 hat ein Alleinstellungsmerkmal unter den über 2.000 deutschsprachigen Büchern und unzähligen Berichten. Für den Autor Michael Wolski gilt als Auslöser der politische, ideologische und wirtschaftliche Stillstand der Sowjetunion bei Machtantritt Gorbatschows und dessen Ziel, die Sowjetunion im „gemeinsamen Haus Europa“ zu verankern. Er plante deshalb schon 1986 die deutsche Einheit, die Aufgabe des Sozialismus und den Rückzug aus Osteuropa.
Honecker war in einem Gespräch mit Gorbatschow und Schewardnadse im Mai 1987 in Ostberlin strikt gegen deren Vorschlag, die Mauer abzureißen. Im Ergebnis hatte am 9. November 89 die sowjetische Besatzungsmacht durch Täuschung (deception operation) wichtige Entscheider der DDR völlig isoliert und parallel durch Desinformation den Druck an den Grenzübergangsstellen in Berlin ausgelöst, der zur ungeplanten Öffnung führte.
Die Erzählung „von den friedlichen Revolutionären in der DDR“ wurde dann zum Schutz der sowjetischen Führung von allen vier Alliierten verbreitet, da man Angst hatte vor einem Militärputsch in der UdSSR v o r dem Vollzug der deutschen Einheit, sollte der wahre Ablauf bekannt werden. Gorbatschows Gegner hätten das als Verrat am Sozialismus aufgefasst und ihr Putsch wäre sonst schon 1990 erfolgt. Als der Autor 2018 sein Manuskript “1989 Mauerfall Berlin – Zufall oder Planung?” Verlagen anbot, hörte er auch diese Variante der Ablehnung: Wir sind ein Sachbuchverlag, wir verlegen keine Fiction. Schauen Sie doch mal ins Internet: Finden Sie da etwas zu KGB-Agenten in der DDR 1989? Na also!
Im September 2019 hatte er sein Buch bei Amazon hochgeladen. Gleichzeitig – und erstmals nach 30 Jahren – bestätigten der ehemalige SEDGeneralsekretär Krenz und der letzte DDRInnenminister Diestel in ihren Büchern seine Vermutung, dass die DDR-Führung mit KGB-Agenten durchsetzt gewesen war. Diestel schrieb von zwei Generalen, die sich ihm als Offiziere der sowjetischen Armee outeten und nannte in einem Interview die Zahl von 50.000 IM des KGB. Jetzt hat Wolski aus Anlass des 30. Jahrestages des Endes der Sowjetunion das Buch überarbeitet “1989 Mauerfall Berlin – Auftakt zum Zerfall der Sowjetunion”.
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Wie die SED im Herbst 1989 ihre Macht verlor - „Wir waren Befehlsempfänger aus Moskau“
Wenn Günter Schabowski in seinen späten Jahren über den Herbst 1989 sprach, dann tat er das mit der Ruhe eines Mannes, der weiß, dass sich Geschichte nicht zurückspulen lässt. In einem Gespräch, das er Jahre nach dem Ende der DDR führte, blickte er auf jene Wochen zurück, in denen die Macht der SED ins Wanken geriet. Seine Worte klangen nicht nach Rechtfertigung, sondern nach Einsicht – und manchmal nach Bitterkeit. „Wir waren Befehlsempfänger aus Moskau“, sagte er. Ein Satz, der mehr über das Ende der DDR erzählt als viele Dokumente. Schabowski, einst Mitglied des Politbüros und enger Weggefährte Erich Honeckers, beschrieb die Stimmung in der Parteiführung im Herbst 1989 als von „tiefer Verunsicherung“ geprägt. Die Demonstrationen auf den Straßen, die Reformen Gorbatschows in Moskau, die Forderungen der Bevölkerung nach Freiheit – all das ließ ein System taumeln, das über Jahrzehnte gelernt hatte, Befehle zu empfangen, aber nie selbst Verantwortung zu übernehmen. Er sprach offen darüber, dass die Gefahr einer „chinesischen Lösung“, also einer gewaltsamen Niederschlagung der Proteste, durchaus existierte. Doch die Partei habe dazu weder die Entschlossenheit noch die Organisation besessen. „Die Angst war groß“, so Schabowski. „Niemand wollte mehr den Befehl geben.“ Die sowjetischen Reformen unter Michail Gorbatschow trafen die SED ins Mark. Gorbatschow sprach von Offenheit und Demokratie, während in Ost-Berlin noch der alte Ton der Parteidisziplin herrschte. Schabowski erkannte, dass die DDR damit ihre letzte Rückendeckung verlor: „Wir konnten nicht gegen unser eigenes Volk vorgehen, wenn Moskau zur Mäßigung riet.“ Die DDR, jahrzehntelang stolz auf ihre angebliche Eigenständigkeit, stand plötzlich allein da. Die Menschen spürten diese Unsicherheit. Sie merkten, dass die Führung zögerte – und sie gewannen Mut. Schritt für Schritt, Woche für Woche, bis das System unter der Last seiner eigenen Lähmung zusammenbrach. Schabowski nannte das später den Punkt, an dem das Schicksal der SED besiegelt war. Von diesem Mann blieb in der öffentlichen Erinnerung vor allem der Moment am 9. November 1989 – der Abend, an dem er mit fahrigen Worten auf einer Pressekonferenz die Maueröffnung auslöste. Doch wer Schabowskis spätere Reflexionen kennt, erkennt, dass dieser Augenblick nur die sichtbare Folge eines viel früheren Zusammenbruchs war: dem inneren Zerfall einer Macht, die sich selbst nicht mehr glaubte. Günter Schabowski starb am 1. November 2015 in Berlin im Alter von 86 Jahren. Er war Diabetiker, lebte nach mehreren Infarkten und Schlaganfällen zuletzt in einem Berliner Pflegeheim. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Waldfriedhof Dahlem. Ein Mann, der die Macht verkündete und später über ihren Verlust sprach – und vielleicht gerade darin so menschlich blieb.
Neues Forum 1989 - Wir wollten bleiben und verändern
Es war dieser eine Satz, der alles veränderte: „Wir bleiben hier.“ Ein Ruf, der sich im Herbst 1989 vor der Nikolaikirche in Leipzig gegen den Strom der Ausreisewilligen stemmte. Während andere sich an den Grenzen drängten, formierte sich eine Bewegung, die nicht fliehen, sondern gestalten wollte. Das Neue Forum war der Versuch, die DDR von innen heraus zu erneuern – nicht zu zerstören, sondern zu verwandeln. Ich erinnere mich an die Stimmung jener Tage. Die Luft war geladen, elektrisiert von einer neuen Form der Zivilcourage. In Wohnzimmern, Kirchengemeinden und privaten Küchen wurde diskutiert, gestritten, getippt. Schreibmaschinen hämmerten, als wären sie Teil eines kollektiven Herzschlags. Die Menschen, die sich in Grünheide trafen – Bärbel Bohley, Jens Reich, Rolf Henrich und andere – waren keine Revolutionäre im klassischen Sinn. Es waren Menschen, die genug Mut hatten, die Wahrheit auszusprechen, als die Sprache selbst schon unter Verdacht stand. Das Neue Forum war kein Aufruf zum Umsturz, sondern ein Bekenntnis zur Öffentlichkeit. Es wollte reden, wo das Schweigen jahrzehntelang System war. Es wollte zuhören, wo die Obrigkeit taub geworden war. Es war der Versuch, die verstopften Adern der Gesellschaft wieder durchlässig zu machen. Und genau das machte es für die SED so gefährlich. Das Innenministerium nannte es eine „staatsfeindliche Plattform“. Das klingt heute wie aus einem Lehrbuch der Abwehr. Doch in Wirklichkeit war es die Angst, die da sprach – die Angst vor der Stimme des Volkes, vor dem Gespräch, das man nicht mehr steuern konnte. Was mich bis heute bewegt, ist die Schlichtheit und Klarheit jener Forderung: „Für ein offenes Land mit freien Menschen.“ Kein revolutionärer Pathos, keine Floskeln – nur das, was man im Leben vermisst hatte. Und genau darin lag die Sprengkraft. Wenn ich heute zurückblicke, dann sehe ich, wie nah wir damals an einem dritten Weg waren – einem Weg jenseits der Blöcke, jenseits der alten Machtmuster. Wir wollten keine Rückkehr in den Kapitalismus, aber auch keine Verlängerung der Bevormundung. Wir wollten Freiheit, aber nicht die Kälte des Marktes. Eine DDR, die atmet, die ihre Bürger ernst nimmt. Dass dieser Weg im Strudel der Ereignisse unterging, ist Geschichte. Doch die Idee, dass Veränderung von innen kommen kann, bleibt. Vielleicht ist das die eigentliche Lehre von 1989: Dass Mut, Wahrheit und Öffentlichkeit stärker sind als jede Zensur. Und dass jene, die bleiben, oft die sind, die wirklich etwas verändern wollen.
Der Schürer-Bericht – Wie eine Fehlkalkulation den Mythos vom finanziellen DDR-Bankrott prägte
Als der sogenannte Schürer-Bericht im Oktober 1989 dem Politbüro vorgelegt wurde, ging ein Schock durch die Führung der DDR: 49 Milliarden Valutamark Auslandsschulden – ein Land am Rand des Bankrotts. Der Bericht wurde zum Symbol des wirtschaftlichen Zusammenbruchs und diente nach 1990 als Beleg für die „Misswirtschaft“ des Sozialismus. Doch heute weiß man: Ein Großteil dieser Zahlen war schlicht falsch oder unvollständig. Gerhard Schürer, Chef der Staatlichen Plankommission, und Alexander Schalck-Golodkowski, Leiter des geheimnisumwobenen Bereichs Kommerzielle Koordinierung, wollten ein realistisches Lagebild zeichnen – und zugleich Alarm schlagen. Die DDR-Wirtschaft war angeschlagen, ineffizient und reformbedürftig. Doch die dramatische Zahl von 49 Milliarden Valutamark Auslandsverschuldung war irreführend. Denn die Autoren kannten weder die vollständigen Guthaben der KoKo noch die offenen Forderungen gegenüber den RGW-Staaten. In Wahrheit verfügte die DDR über erhebliche Rücklagen – 13 Milliarden Valutamark in KoKo-Reserven, 29 Milliarden an Forderungen gegenüber sozialistischen Partnerländern und fast 7 Milliarden an Entwicklungskrediten. Diese Posten tauchten im Bericht nicht auf. Die Folge: Die DDR erschien ärmer, als sie war. Schon 1990 räumte Schürer selbst ein, dass seine eigene Analyse „überzogen“ gewesen sei. Die Netto-Auslandsverschuldung habe nur 19,9 Milliarden Valutamark betragen – weniger als die Hälfte der ursprünglichen Zahl. Auch die Deutsche Bundesbank bestätigte diese Korrektur 1999: Zwar lag die Bruttoverschuldung tatsächlich bei 49 Milliarden, doch nach Abzug von Guthaben und Reserven entsprach die Netto-Schuld genau Schürers späterer Revision. Trotz dieser Richtigstellungen wurde der Schürer-Bericht nach der Wende zum politischen Instrument. Er diente als Rechtfertigung für drastische Entscheidungen der Treuhandanstalt und als Argument für den „ökonomischen Offenbarungseid“ des Ostens. Dass der Bericht ursprünglich als Mahnung gedacht war – und nicht als Totenschein –, ging in der öffentlichen Wahrnehmung unter. Der Schürer-Bericht war mehr als ein ökonomisches Dokument – er war ein historischer Wendepunkt, der von einer überhitzten Deutung überrollt wurde. Die DDR war im Herbst 1989 zweifellos in der Krise, aber sie war nicht bankrott. Die Geschichte dieser Fehlkalkulation erinnert daran, wie schnell sich eine politische Erzählung verselbstständigen kann – und wie schwer sie zu korrigieren ist.
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